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Chaos und Ordnung passen bekanntlich nicht sonderlich gut zusammen. Der Mensch hat meistens einen natürlich Drang zur Ordnung, und sei es auch nur zu dem, was man als "geregelten Tagesablauf" bezeichnen würde. Allerdings nur in einem gewissen Maße - zu viele Regeln tolerieren wir genauso wenig. Überhaupt Regeln! Wir machen uns Regeln, um leichter verstehen zu können, wie wir unser Leben leben sollen, um die schier endlose Liste an Möglichkeiten, die uns der freie Wille - sofern er denn existiert - bietet, ein wenig einzuengen. Und doch geraten die Regeln immer wieder in Bedrängnis, werden durch Chaos oder "Unvorhersehbares", also Zufälle, aus der Bahn geworfen. Oder eben von einem Menschen, der sich einfach zu sehr bedrängt fühlt. Und dann kann praktisch alles passieren. Doch warum so philosophisch? Bei einer Stadt, die so schnell wächst, wie es Bangalore tut, kommt der Verkehr nicht nach. Er ist, zumal zur Rush Hour, ein einziges Chaos. Und die Verkehrsregeln sind klar die Verlierer. Überhaupt gibt der alltägliche Verkehr den Menschen Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen, aufzubegehren gegen von außen aufgebürdete Regeln, deren schiere Namen schon Ausdruck ihres oppressiven Charakters sind. Linksfahr*gebot*. Fahrbahn*begrenzungen*. *Gegen*verkehr. Wie erfrischend ist es da doch, einfach auszubrechen! Und so kommt es dann auch. Der Verkehr, das Chaos, ist in Bangalore eine hochgradig variable Geschichte. Da werden Fahrbahnen kurzerhand erweitert, dem Verkehrsbedarf angepasst. Die Gegenfahrbahn wird dann einfach mit benutzt, gerne auch, um an an einer Ampel wartenden Fahrzeugen vorbei zu fahren. Jeder fährt dort, wo Platz ist, und die Wendigkeit der zahllosen Rikschas und Motorroller lässt jede Lücke sich sofort schließen. Ein defensiver oder verunsicherter Fahrer, sagen wir mal ein sprichwörtlicher "Mann mit Hut", oder ein Böblinger/Plöner oder einfach jemand, der der Meinung ist, dass ihn schon irgendjemand rein lassen wird, wird kein anderes Schicksal erleiden, als bis zur nächsten Nacht warten zu müssen, um sein Ziel zu erreichen. Wenn er in der Nähe einer auch bei Nacht stark befahrenen Straße steht, so wird er einfach verhungern. Eine besondere Rolle kommt der Hupe zu. In Deutschland regelkonform nur in Gefahrensituationen benutzt, bisweilen auch, um seinem Mit-Verkehrsteilnehmer subtile Botschaften von "Damit bin ich jetzt nicht ganz einverstanden" bis hin zu "Wenn Du blödes A****loch nicht sofort siehst, dass Du die Kurve kratzt, dann werfe ich Dir Deine verdammte Sch***karre auf den Müll, und Dich gleich dazu", erfüllt sie in Indien eine Vielzahl an Zwecken. Der wichtigste ist, sein Dasein kundzutun. Durch simples Betätigen der Hupe teilt ein Inder seiner Umgebung mit "Seht her, ich bin da, ein Teil des Chaos um Euch herum" und drückt damit seine Stofflichkeit wie auch sein Bewusstsein aus. Ich hupe, also bin ich. Und so hupt in Indien eigentlich jeder, ununterbrochen, mindestens 10 Mal in der Minute. Auf Lastkraftwagen steht "Sound Horn". Der Grund kann unterschiedlichster Natur sein. Man möchte überholen, man möchte überholt werden, man möchte Abbiegen, einen Fußgänger verscheuchen, einfach nur hupen oder herausfinden, ob die Hupe denn überhaupt noch funktioniert. Kann ja sein, dass sie in den letzten 10 Sekunden kaputt gegangen ist! Ein zweites "Instrument" im wahrsten Sinne des Wortes sind Rückwärtsgang-Melodien. Wir in Deutschland kennen sie von Müllautos und LKWs: beim Einlegen des Rückwärtsganges ertönt ein regelmäßig unterbrochener Piep-Ton, um eventuell hinter dem Fahrzeug befindlichen Personen die Dringlichkeit eines Ortswechsels ans Herz zu legen. In Bangalore verfügen sehr viele Autos über eine solche Funktion, und mit einem einfachen Piepen ist es selbstverständlich nicht getan. Eine schier unendliche Spielwiese für Individualisten tut sich auf, denn so gut wie jedes beliebige Lied lässt sich als Rückwärtsfahrton verwenden. Welch Vorstellung! Man legt den Rückwärtsgang ein, und schon ertönt die Biene Maja, oder "Im Wagen vor mir", oder "Highway to Hell", oder die Nationalhymne, oder der bekloppte Frosch... ob es wohl möglich ist, sowas in Deutschland zu installieren? Eigentlich kann ich es mir nicht vorstellen. Da wird es doch wohl irgendeine Regel gegen geben?!?
2.2.07 16:05





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